Tanja Eberle

            Spirituelle Philosophin

Kurzgeschichten 

Die Philosophinnen

 

Kurzgeschichten von Tanja Eberle

Kapitel 1 

Diebin

In unseren Erinnerungen scheint die Wahrheit untrennbar zu unseren Gedanken zu gehören. Unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht ist. Das Einzige was wir an der Wahrheit finden können, ist, dass es sie nicht gibt. Trotzdem formt sie unsere Persönlichkeit und verfolgt uns.

Die Philosophinnen

Damals waren wir noch jung. Glaubten, dass es eine Wahrheit gab. Liessen uns von ihr durchs Leben führen. Irrten umher, verloren uns in Männergeschichten und hätten nie gedacht, dass eines Tages alles anders werden würde. 

Der Tag begann mit einem schrillen Aufschrei der an die Mauerwand hallte. Es war Miriams Stimme. Erschreckt fuhr ich in meinem Bett hoch und schaute zu Lisa hinüber. Sie lag schlafend da. Es war an der Zeit Lisa endlich mal zu sagen, dass sie das Bohren mit Wattestäbchen in ihren Ohren lassen sollte. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit ihrem Ohrenschmalz mit jedem Mal ihren Gehörgang zustopfte. Das war nicht gut. Genervt schlug ich meine Bettdecke auf die Seite und schlüpfte in meinen alten Morgenmantel, den mir mein letzter Liebhaber geschenkt hatte. Gott, war das ein Typ. Man nannte ihn Machito. Er wusste immer, was er wollte und was ihm zustand. Ich stand ebenfalls auf seiner Erfolgsliste. Irgendwo in der Mitte. Als Abenteuer. Es dauerte seine Zeit, bis ich endlich begriff, dass das Einzige was Machito wichtig war, er selbst war. Am Ende als er mich mit diesem pinken Morgenmantel sitzen liess, versuchte ich Verbindung zu Gott aufzunehmen, um ihm mein Leid zu klagen. Leider entstand kein Dialog, auch keine Mäeutik, sondern nur ein Monolog meinerseits. Er musste auch verstopfte Ohren haben.  

Langsam öffnete ich die schwere Holztür und schaute in den Flur. Nichts. Da war NICHTS zu sehen. «Pssst…pssst…» Ich drehte meinen Kopf und hinter mir stand Lisa. «Mein Gott, hast du mich jetzt erschreckt.» »Was machst du hier?» fragte Lisa mit runzelnder Stirn. « Ich hörte ein Schreien und dachte, es wäre Miriam.» « Warum stehst du dann immer noch hier? Geh hin und schau nach. Vielleicht braucht sie deine Hilfe!» Ich schüttelte den Kopf.  Lisa konnte man wirklich nicht zu den mutigen Philosophinnen zählen. Sie war klug, keine Frage aber mutig war was anderes. Mut, die Tugend der Furchtlosigkeit. Aristoteles soll mal gesagt haben, dass nur der Mutige glücklich werden kann. Ich fühlte mich zwar nach der Niederlage mit Machito und dem pinken Morgenmantel nicht glücklich aber mutig. Ja genau, mutig fühlte ich mich allemal. Schnell zog ich den Gürtel meines Morgenmantels enger zu und eilte mit militärischem Schritttempo auf Miriams Zimmertür zu. Klopfte, trat ein und stand still. «Ich fasse es nicht. Was macht ihr da?» Auf dem Fussboden sassen Miriam und Sophie. Beide im Schneidersitz. In Gedanken ertappte ich mich immer wieder, wie ich sie bewunderte. Sie hatte etwas verspielt Erotisches an sich. Sophie gehörte von uns Philosophinnen zu den Klügsten. Sie kannte alle Zitate der bekannten Philosophen und konnte äusserst charmant die Mutter Oberin um den Finger wickeln. Bei ihr bekamen alle Männer eine erektile Dysfunktion. Beide starrten mich an. Als erstes fand Sophie wieder ihre Gedanken. « Wir üben.» Das war wenigstens mal eine Aussage. «Was übt ihr?» Miriam, unsere Jüngste, bekam plötzlich Schweissperlen auf ihrer Stirn und versuchte etwas zu sagen. «Ja bitte, Miriam? Was ist?» fragte ich sie. Der zweite Schrei von Miriam war mindestens acht Oktaven höher als es der Erste war. In diesem Augenblick wünschte ich mir ebenfalls verstopfte Ohren. Ich musste unbedingt dafür sorgen, dass mir meine Mutter welche schickte. Jetzt erst sah ich, was Miriam plagte. Sie sass gar nicht auf einem weichen Kissen. Nein, sie sass auf einem Nagelbrett. «Ich fasse es nicht. Was machst du sitzend auf einem Nagelbrett?» Sophie stand auf und legte ihre linke Hand auf meine Schulter und flüsterte:» Schon gut, das ist unsere Morgenmeditationsübung. Du weisst ja, wir arbeiten an unserer philosophischen Spiritualität!» « Philosophischen Spiritualität?» « Ja, du weisst schon…» « Nein, weiss ich nicht Sophie!» krächzte ich verzweifelt. Ich streckte meine Hand zu Miriam aus und deutete ihr an sie zu nehmen. Sie zog sich wie eine alte Frau hoch. Sie blickte mir in die Augen als ob ich ihr etwas gestohlen hätte. Irritiert blickte ich zurück und fragte: »Was ist?» « Du bist eine Diebin!» «Wer? Ich?» «Ja, du! Du hast mir eben meine Erleuchtung gestohlen! Ich war kurz davor sie zu bekommen. Du bist schuld, dass ich wieder von vorne beginnen muss! Was ist, wenn sie nicht mehr kommen will? Hä?« Fassungslos stand ich in ihrem Zimmer und überlegte, was gerade passiert war. Miriam glaubte wirklich, dass ihr ein Nagelbrett die Erleuchtung bringen sollte. Ewiger Frieden und ewiges Glück. Nach dem suchte sie schon seit ich sie kenne. Nun sollte ich daran schuld sein, dass ihr dieser Zustand um ein Haar verwehrt wurde. Sitzend auf einem Nagelbrett. 


Kapitel 2

Erinnerungen

Miriam hatte die Eigenschaft sich schnell wieder zu beruhigen. Sie konnte nicht lange nachtragend sein, weil sie das schlechte Gewissen plagte. Nach diesem Nagelbrett-Erlebnis warf ich den rosa Morgenmantel in eine Ecke, zog mich um und ging nach draussen. Das Turmhaus in dem wir alle wohnten, ähnelte einem Märchenschloss in Schottland. Ein grosser Turm ragte in der Mitte des Gebäudes über die Dächer und wurde von einem idyllischen Park umsäumt. Ich liebte die verspielten Spaziergänge Mitten im Auenwald. Hier kam ich zur Ruhe. Hier spielte meine Seele die schönsten Melodien. Hier traf ich auf Leben und Tod. Und in diesem Auenwald gab es etwas ganz Besonderes… die Stille. In dieser Stille hörte ich meinen Atem, in dieser Stille wurde ich meiner Gedanken bewusst. Und…ich erkannte, dass meine Erinnerungen nichts anderes waren als eine Illusion. Ich war fähig, meine Gedanken der Vergangenheit so zu ändern, wie es mir gerade gefiel. Das war fantastisch. Ich konnte mir die Erinnerung zusammenbasteln. Erinnerungen sind so vergänglich wie der gegenwärtige Augenblick. Als ich an die Holzbrücke kam, erblickte ich eine Frauengestalt. Sie beugte sich vornüber über das Brückengeländer, stütze sich mit beiden Händen darauf und es schien so, als ob sie etwas im Fluss unter ihr suchte. Langsam ging ich auf sie zu und blieb zwei Schritte vor ihr stehen. «Suchst du etwas?» fragte ich sie. « Ja, meine Erinnerungen », erwiderte sie. Mein Blick blieb auf ihrem Gesicht haften. « Du wirst sie im Fluss des Lebens immer wieder verlieren, um sie dann wieder zu erfinden» meinte ich etwas melancholisch. « Mag schon sein, Alma. Doch was ist, wenn ich sie gänzlich verloren habe? Was ist, wenn ich mich nicht mehr an gestern, an vorgestern oder an meine Kindheit erinnern kann? Hält mich die Welt dann für verrückt? Klebt dann an mir ein Schild; Achtung, Psychiatrie!? Wie schnell kann man in dieser Welt die Würde und Anerkennung verlieren?» Lisa hatte Recht. Bedeutete das Sich-nicht-erinnern-können den Tod des Selbstwertes? Strebten wir nicht alle nach Anerkennung und Respekt? Wollten wir nicht alle einfach nur akzeptiert und geliebt werden? Lisa hob einen tränenförmigen Stein vom Boden auf und warf ihn in den Fluss, wo er vor unseren Augen verschwand. « Mein ganzes Leben baue ich auf Erinnerungen auf und lebe in der Illusion, dass dies mein Leben war und ist. Was für ein Witz, Alma.» « Ja», bestätigte ich sie:» Manchmal gibt es auch Witze, über die wir nicht lachen können.»